Wolfsburg und Altmark abgehängt: Fahrgastverband PRO BAHN fordert direkte Züge nach Berlin
Sperrung Hannover–Berlin: Fahrgastverband PRO BAHN verlangt vor dem Fahrplan 2027 verbindliche Lösungen für Pendler, gesicherte Anschlüsse, faire Fahrkarten und keine weiteren Einschnitte im Nahverkehr
Seit dem 2. Oktober hält in Wolfsburg kein Fernzug mehr, in Stendal keiner mehr Richtung Berlin und Hannover. Ob sich das bis zum Ende der Bauarbeiten im Dezember 2027 ändert, ist laut DB weiter „in Prüfung“. Der Fahrgastverband PRO BAHN fordert von DB Fernverkehr direkte Züge zwischen Wolfsburg und Berlin über Magdeburg, schnelle Verbindungen für die Altmark und faire Fahrkarten. Von der DB InfraGO erwartet er, die Lehrter Stammbahn früher in Betrieb zu nehmen und keine weiteren Nahverkehrsstrecken als Umleitung zu sperren, ohne dass Ersatz vereinbart ist. Nach Angaben der S-Bahn Hannover soll die S4 zwischen Hannover und Hildesheim 2027 ein ganzes Jahr lang nicht fahren.
München, 13. Oktober 2026 – Mit dem Fahrplan für 2027 legt die DB in diesen Tagen fest, wie Berufspendler zwischen Berlin, Wolfsburg und der Altmark während der Sanierung zur Arbeit kommen. Ab Dezember sollen drei Fernzüge je Richtung in zwei Stunden zwischen Hannover und Berlin fahren, über Braunschweig und Magdeburg und mit 80 Minuten längerer Fahrzeit. Ob sie in Wolfsburg und Stendal halten, ist laut DB seit dem 9. September „in Prüfung“. Die Lehrter Stammbahn, über die die Züge ursprünglich umgeleitet werden sollten, bleibt nach Angaben der DB InfraGO voraussichtlich bis Dezember 2027 gesperrt. Der Fahrgastverband PRO BAHN fordert DB Fernverkehr deshalb auf, mindestens alle zwei Stunden direkte Züge zwischen Wolfsburg und Berlin über Oebisfelde und Magdeburg anzubieten, ohne Umstieg und ohne Halt im Magdeburger Hauptbahnhof. Zusätzliche Trassen zwischen Magdeburg und Berlin braucht es dafür nicht: Einer der drei Fernzüge je zwei Stunden kann über Wolfsburg und Oebisfelde statt über Braunschweig fahren, Braunschweig bleibt stündlich angebunden. Die Technik dafür hat DB Fernverkehr im Einsatz: Der ICE L fährt seit April mit der Zweikraftlok Vectron Dual Mode nach Sylt und kann den nicht elektrifizierten Abschnitt zwischen Oebisfelde und Glindenberg vor Magdeburg mit Diesel befahren. Damit die Züge in Magdeburg nicht die Fahrtrichtung wechseln müssen, muss die DB InfraGO die Verbindung bei Rothensee für Reisezüge herrichten. Bis dahin geht es auch mit einem kurzen Halt im Hauptbahnhof.
„DB-Chefin Evelyn Palla hat gegenüber Sachsen-Anhalt selbst eingeräumt, bei der Lehrter Stammbahn zu optimistisch geplant zu haben. Die Rechnung dafür zahlen jetzt die Pendler, mit einer Stunde und mehr zusätzlich je Richtung und verpassten Anschlüssen“, kritisiert Prof. Dr. Lukas Iffländer, Bundesvorsitzender des Fahrgastverbands PRO BAHN. „Zwei Monate vor dem Fahrplanwechsel reicht ‚in Prüfung‘ nicht mehr. Wolfsburg und Stendal brauchen mit dem Fahrplan 2027 eine verbindliche Antwort. Dass es geht, wenn man will, hat die DB selbst gezeigt: Bei der Sperrung zwischen Leipzig und Dresden im Juni 2025 wollte DB Fernverkehr die ICE zunächst ersatzlos streichen und hat nach Kritik, unter anderem von uns, doch Direktbusse eingesetzt. Und beim Elbhochwasser 2013 fuhren die ICE monatelang von der Berliner Stadtbahn über die Lehrter Stammbahn direkt nach Wolfsburg und Hannover.“
Wie hart die Umleitung die Berufspendler trifft, zeigt eine Umfrage der Initiative Bahnpendler Wolfsburg/Fallersleben. Von 532 Antworten rechnen 411 mit mindestens einer Stunde zusätzlicher Pendelzeit je Richtung. Die Umfrage lief ausschließlich unter Beschäftigten eines Unternehmens und bildet nur einen Ausschnitt der Betroffenen ab. Im besten Fall dauert die Fahrt zwischen Berlin und Wolfsburg jetzt 3:17 Stunden je Richtung, von Bahnhof zu Bahnhof. Nach den Erfahrungen der Initiative verpassen Pendler in Magdeburg immer wieder den Anschluss, weil der Regionalzug nach Wolfsburg schon bei wenigen Minuten ICE-Verspätung nicht wartet, allein am 2., 5. und 7. Oktober. Die DB hat die Umsteigezeit inzwischen auf 26 Minuten verlängert. „Die schnelle Verbindung über Magdeburg existiert zwar auf dem Papier, auf sie verlassen kann man sich im Alltag aber nicht. Entscheidend ist, wie lange wir tatsächlich unterwegs sind, nicht die schnellste Verbindung im Fahrplan“, kritisiert Maja Radin-Macukat von der Initiative. Der Fahrgastverband PRO BAHN fordert die DB InfraGO, die Aufgabenträger in Sachsen-Anhalt und Niedersachsen und die Eisenbahnunternehmen im Regionalverkehr auf, für die Dauer der Sperrung verbindliche Wartezeiten für die Anschlüsse vom ICE auf die Regionalzüge in Magdeburg und Braunschweig festzulegen und in der Disposition durchzusetzen.
Für Stendal und die Altmark fordert der Verband zwei Lösungen. DB Fernverkehr soll als Ersatz für die entfallenen ICE-Halte Expressbusse von Berlin über Stendal nach Wolfsburg einsetzen, als Verlängerung der heutigen Ersatzbusse Stendal–Wolfsburg. Wer drei bis vier Stunden am Tag im Bus sitzt, braucht einen Reisebus mit Toilette, WLAN und Zulassung für 100 km/h, gern mit Reservierung wie ein IC-Bus. In Wolfsburg sollen die Busse nicht nur am Bahnhof, sondern auch an den großen Arbeitsstätten halten. „Ab dem Fahrplanwechsel soll zudem mindestens alle zwei Stunden ein Intercity von Magdeburg über Stendal nach Wittenberge fahren, mit festem Anschluss an den ICE nach Berlin, wie es das Land Sachsen-Anhalt fordert“, sagt Tom Bruchholz, stellvertretender Vorsitzender des Landesverbands Mitteldeutschland im Fahrgastverband PRO BAHN. Zusätzliche Angebote für Stendal über Wittenberge wollte die DB InfraGO schon im August prüfen. Wagen und Personal wären nach einem Bericht der Magdeburger Volksstimme ab Mitte Dezember verfügbar, weil die Intercitys aus Leipzig dann in Magdeburg enden.
Von der DB InfraGO fordert der Fahrgastverband PRO BAHN, die Lehrter Stammbahn nicht erst im Dezember 2027 auf einen Schlag freizugeben, sondern die Stellwerke abschnittsweise in Betrieb zu nehmen, sobald sie fertig sind, und die Strecke bis zur Fertigstellung der Oberleitung mit Zweikraftfahrzeugen zu nutzen. Dass neue Stellwerkstechnik nur zum Fahrplanwechsel in Betrieb gehen könne, ist eine Frage des Wollens, nicht des Könnens. Bei den Fahrkarten verlangt der Verband von DB Fernverkehr eine verbindliche und öffentlich bekannte Regelung: Mehrfahrtenkarten gelten auf den Umleitungswegen über Magdeburg und Braunschweig ohne Aufpreis und während der Sperrung drei statt einen Monat, auch bereits gekaufte. Der längere Tarifweg darf keine Fahrt verteuern, und wer schon mehr bezahlt hat, bekommt den Aufpreis erstattet. Pendler, die ihre BahnCard 100 wegen der Sperrung zurückgeben, müssen sie anteilig erstattet bekommen. Dass das Zugpersonal Karten über Wolfsburg auf dem Umweg bisher akzeptiert, ist Kulanz und keine Regelung, auf die sich Pendler verlassen können. Wer sichergehen will, muss über Braunschweig buchen, und das kostet in der 2. Klasse für 20 Fahrten zwischen Berlin Hbf und Wolfsburg-Fallersleben 416,25 Euro statt 278,15 Euro, rund 50 Prozent mehr, und ICE-Jahreskarten zwischen Berlin und Wolfsburg sind nach Angaben der Initiative rund 48,5 Prozent teurer. Die Fragen dazu hat die Initiative der DB am 1. Oktober gestellt. Am 12. Oktober teilte die DB InfraGO mit, sie könne noch keine verbindliche Auskunft geben.
Die Folgen der Sanierung reichen inzwischen über den Korridor hinaus. Nach Angaben der S-Bahn Hannover gibt die DB InfraGO vor, dass die S4 zwischen Hannover und Hildesheim im gesamten Fahrplanjahr 2027 nicht fährt, weil ihre Strecke als Umleitung gebraucht wird. Im ursprünglichen Konzept war das nicht vorgesehen, ein Ersatz steht noch nicht fest. „Die DB InfraGO darf die Folgen ihrer eigenen Verzögerungen nicht Stück für Stück an die Fahrgäste im Nahverkehr weiterreichen“, fordert Malte Diehl, Vorsitzender des Landesverbands Niedersachsen/Bremen im Fahrgastverband PRO BAHN. „Gegenüber dem ursprünglichen Konzept darf es im Nahverkehr keine weitere Verschlechterung geben. Braucht die DB InfraGO eine Strecke als Umleitung, muss der Ersatz gemeinsam mit den Aufgabenträgern und Fahrgastvertretern vereinbart werden, nicht über sie hinweg. Weitere Totalausfälle sind inakzeptabel.“
