Adendorf und Neermoor machen im Mai den Anfang
In Niedersachsen werden 2026 und 2027 zahlreiche Eisenbahnstationen neu eingerichtet oder reaktiviert. Erstmalig seit 2022 und in so großer Menge wächst damit die Anzahl der Bahnhöfe und Haltepunkte im Land. Fahrgastverband PRO BAHN begrüßt diese Entwicklung ausdrücklich und spricht von einem wichtigen Signal für die Erschließung des ländlichen Raums mit attraktivem öffentlichen Personenverkehr.
Als erste Haltepunkte gehen im Mai 2026 Adendorf und Neermoor wieder in Betrieb – beide waren jahrzehnte-lang stillgelegt und zwischenzeitlich zurückgebaut worden. Es folgen noch dieses Jahr, sofern sich keine Ver-zögerungen ergeben, mindestens die Stationen in Bunde, Ihrhove, Kirchlinteln und Osnabrück-Rosenplatz an bestehenden Strecken. In der Grafschaft Bentheim werden dank der Reaktivierung der Bahnstrecke zwischen Neuenhaus und Coevorden in den Orten Emlichheim, Laarwald, Hoogstede und Veldhausen wieder Züge halten. Auch Weener, das lange Zeit durch Bauarbeiten abgehängt war, erhält nach Wiedereröffnung der Strecke nach Groningen seinen Bahnanschluss zurück, auch wenn dies keine Reaktivierung darstellt.
„2026 werden in Niedersachsen so viele Orte neu an die Bahn angebunden wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Das bereits in den 2010er Jahren gestartete Reaktivierungsprogramm trägt endlich Früchte“, freut sich PRO-BAHN-Landesvorsitzender Malte Diehl. „Durch die reaktivierten Stationen erhalten allein dieses Jahr Kommunen mit knapp 100.000 Einwohnern wieder einen direkten Bahnanschluss. Das macht die Nutzung des ÖPNV attraktiver, da sich das Angebot verbessert und die Reisezeiten sinken. Etliche tausend Menschen werden zusätzlich jeden Tag die öffentlichen Verkehrsmittel nutzen.“

In den kommenden Jahren werden in Niedersachsen noch weitere Haltepunkte eingerichtet werden, darunter Altenwalde, Braunschweig-West, Hildesheim-Himmelsthür, Rosdorf oder Hannover-Waldhausen. Jeder der drei niedersächsischen Aufgabenträger im Schienenpersonennahverkehr (Landesnahverkehrsgesellschaft Niedersachsen, Region Hannover, Regionalverband Großraum Braunschweig) plant derzeit mehrere Reaktivierungen. Auf bremischem Gebiet wird am neuen Kreuzungsbahnhof Föhrenstraße gebaut; die Halte Achterdiek und Universität sollen 2028 in Betrieb gehen. Weitere Halte sind in Planung. Sofern das laufende Programm zur Reaktivierung von Bahnstrecken in Niedersachsen nicht an Geldmangel scheitert – es drohen erhebliche Kostensteigerungen für SPNV-Leistungen u.a. durch das jüngste Urteil zu Trassenentgelten im Regionalverkehr –, werden auch hierdurch zahlreiche weitere Halte hinzukommen.
Gleichwohl sieht der Fahrgastverband PRO BAHN das Potenzial noch längst nicht erschöpft. Landesvorsitzender Diehl erläutert: „Viele Halte, die verkehrlich sinnvoll wären, können derzeit aus infrastrukturellen Gründen nicht umgesetzt werden. Zwei Beispiele: Die langersehnten Halte in Apen und Alfhausen sind fahrplantechnisch leider erst nach Ausbau der jeweiligen Strecken möglich. Diese Ausbauten gehen nicht schnell genug – insbesondere Niedersachsen muss hier mehr Tempo machen und auch eigene Mittel einsetzen.“ Gleichzeitig werden sehr hohe Fahrgastzahlen für eine Reaktivierung vorausgesetzt, selbst wenn durch einen Halt eine ganze Region erschlossen wird. Manche fahrplantechnisch möglichen Haltepunkte wie Verliehausen nahe bleiben dadurch unnötigerweise auf der Strecke.
Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass das Fahrgastpotenzial auch an einigen der neuen Halte nicht ausgeschöpft wird, weil dort nicht alle geeigneten Züge halten sollen. In Ihrhove beispielsweise soll nur die Regionalbahn von Leer nach Groningen halten. Der Regionalexpress von Emden nach Münster fährt bis auf weiteres durch, obgleich sowohl die Gemeinde Westoverledingen als auch der Ortsteil Ihrhove selbst genug Einwohner für einen Halt dieser Linie aufweisen und perspektivisch eine gute Umsteigeverbindung für Reisende aus dem Emsland in Richtung Niederlande und zurück geschaffen werden könnte. Ein ähnliches Bild bietet sich in Neermoor, wo der Regionalexpress Emden – Münster halten wird, jedoch nicht der Regionalexpress Nord-deich – Bremen – Hannover. Dieser könnte zumindest nach Auslieferung der neuen, spurtstarken Triebwagen problemlos dort halten und alle zwei Stunden eine hochattraktive, umsteigefreie Verbindung in die beiden Landeshauptstädten herstellen. Wir rufen daher die Verantwortlichen auf, diese Haltepolitik zu überdenken.
Insgesamt überwiegt bei uns als Fahrgastvertretern eindeutig die Freude darüber, dass der Zugang zur Eisen-bahn in der Fläche in den kommenden Jahren in Niedersachsen deutlich einfacher wird. Um die neuen Stationen optimal in den ÖPNV einzubinden, sind nun aber auch die zuständigen Landkreise gefragt: „Wir wünschen uns, dass die neuen Bahnhöfe von den Landkreisen als wichtige Verknüpfungspunkte mit dem Busverkehr angesehen und entsprechend behandelt werden. Keinesfalls darf ein neuer Bahnhof als Vorwand dienen, den bestehenden Busverkehr mit Verweis auf die Erschließung durch die Bahn zurückzufahren“, mahnt Landesvorsitzender Diehl und fordert: „Vielmehr muss die Chance ergriffen werden, den Busverkehr systematisch auf die Halte auszurichten und zuverlässige Übergänge zwischen den Verkehrsmitteln zu schaffen. Erfolgreiche Vorbilder wie Neuenhaus oder Leer zeigen, wie es gehen kann.“
PRO BAHN weist abschließend darauf hin, dass weitere Reaktivierungen und Neueinrichtungen von Stationen in Niedersachsen auch und gerade davon abhängen, dass die betroffenen Kommunen und Landkreise mögliche Standorte aktiv melden und sich dafür einsetzen. Wünsche können jederzeit an den zuständigen Aufgabenträger gerichtet werden.
